Literatur
Narine Abgarjan
Drei Äpfel für eine neue Geschichte
In einem fast verlassenen armenischen Bergdorf erzählt sie vom Wunder des Weiterlebens. Warum man ihr am 17. Oktober in Stuttgart zuhören sollte.
Es gibt Geschichten, die man nicht einfach liest. Man tritt in sie ein, setzt sich an den Küchentisch und bleibt. So geht es einem mit Narine Abgarjan und ihrem Roman Vom Himmel fielen drei Äpfel. Im Bergdorf Maran leben fast nur noch Alte. Kriege, Hunger, Erdrutsche und die große Abwanderung ins Tal haben den Ort beinahe entvölkert. Geblieben sind jene, die ihre Häuser, ihre Gräber und ihre Erinnerungen nicht zurücklassen wollen.
Eines Morgens ist sich die 58-jährige Anatolia sicher: Heute wird sie sterben. Gefasst bereitet sie sich vor, ordnet ihre Dinge, wartet. Dann steht der Nachbar Wassili vor der Tür. Mit einem Heiratsantrag.
Was wie ein Ende beginnt
Aus diesem Morgen wird keine Totenwache, sondern der Anfang einer späten, unwahrscheinlichen Liebe und einer stillen Erneuerung. Abgarjan erzählt in verwobenen Episoden von Geburt und Tod, von alten Bräuchen, von weißen Pfauen, die Geburten ankündigen, von Kindern, die Engel sehen, von Toten, die im Traum vorbeikommen. Und von der sturen, warmen, oft komischen Kraft einer Gemeinschaft, die sich weigert, ganz zu verschwinden. Magischer Realismus trifft armenische Erzähltradition, und beides fühlt sich an, als hätte es nie getrennt existiert.
Schon der Titel ist ein Stück Volksgut. Er greift die alte Schlussformel armenischer Märchen auf.
„Ein Apfel für den, der gesehen hat, einer für den, der erzählt hat, und einer für den, der verstanden hat.“
Schlussformel armenischer Märchen
Die Antwort auf Macondo
Ihr Lieblingsbuch, hat Abgarjan dem Guardian erzählt, sei Gabriel García Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit. Nur das Ende ließ sie nicht los: Am Schluss ist Macondo, das abgeschiedene Dorf der Buendías, spurlos ausgelöscht. Mit Maran wollte sie genau das Gegenteil erzählen, eine Geschichte, die mit Hoffnung endet.
Eine Stimme aus Tawusch
Geboren wurde Narine Abgarjan 1971 in Berd, in der nordostarmenischen Provinz Tawusch. Sie schreibt auf Russisch und gehört zu den international bekanntesten Stimmen der zeitgenössischen armenischen Literatur. Berühmt wurde sie mit der preisgekrönten Kinderbuchreihe um das Mädchen Manjunja. Vom Himmel fielen drei Äpfel erhielt 2016 den Jasnaja-Poljana-Preis, eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen im russischsprachigen Raum, und liegt inzwischen in mehr als zwanzig Sprachen vor. 2020 zählte der Guardian sie zu den spannendsten Autorinnen und Autoren Europas. Heute lebt sie zwischen Armenien und Deutschland.
Maran klingt sehr nach Tawusch. Viele Bräuche und Speisen des Romans stammen aus der Heimatregion der Autorin. Und doch ist es kein Heimatroman im engen Sinn, sondern eine Erzählung darüber, wie Leben weitergeht, wenn fast alles verloren scheint.
Siehe, ich mache alles neu
In Maran entsteht das Neue nicht dadurch, dass das Alte verschwindet. Die Toten bleiben gegenwärtig, die Erinnerungen werden weitererzählt, die Verletzungen gehören zum Leben. Und trotzdem können Liebe, Gemeinschaft und Hoffnung beginnen. Genau darin berührt der Roman das Leitwort der diesjährigen Armenischen Kulturtage Stuttgart: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5). Der Satz verheißt nicht lauter neue Dinge an Stelle der alten. Er verheißt, dass das Vorhandene neu wird. Erneuerung heißt hier nicht Abbruch, sondern ein Weitererzählen, das das Vergangene mitnimmt.
Wer die drei Äpfel hören möchte, für den, der gesehen hat, den, der erzählt hat, und den, der verstanden hat, sollte sich diesen Nachmittag freihalten. Es ist eine Einladung, sich an den Tisch eines fast verlassenen Dorfes zu setzen und dabei zu sein, wenn das Neue mitten im Alten beginnt.
Vom Himmel fielen drei Äpfel
Narine Abgarjan. Roman. Aus dem Russischen von Maria Rajer.
List Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten.
Lesung in Stuttgart
- Wann
- Samstag, 17. Oktober 2026, 16 bis 17.30 Uhr
- Wo
- BW-Bank, Kleiner Schlossplatz 11, 70173 Stuttgart
Der Saal ist barrierefrei. - Gespräch
- Narine Abgarjan im Gespräch mit Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan
Auf Armenisch und Deutsch - Karten
- Vorverkauf 12 €, ermäßigt 7 €, Abendkasse 14 €
Der Kulturtage-Pass (85 €) gilt auch für diese Lesung. - Ab 17 Uhr
- Buchverkauf und Signierstunde
- Im Haus
- Vorher und nachher lädt die Ausstellung „Bilder über Grenzen hinweg“ mit Werken von André Sevrugian zum Verweilen ein.
Teil der Armenischen Kulturtage Stuttgart 2026 „Siehe, ich mache alles neu“, 15. bis 25. Oktober.


