Howhannes Tumanjan

Der Dichter aller Armenier

Howhannes Tumanjan ist der Nationaldichter Armeniens. Er ist ein Volksdichter und schrieb in der Sprache seines Volkes. Sein Gesamtwerk umfasst Balladen, Poeme, Erzählungen, Fabeln und Essays, insbesondere aber auch Märchen. Tumanjan verfasste selbst Märchen und übersetzte Märchen aus anderen Sprachen.

Zu der deutschen Sprache und Literatur hatte er ein besonderes Verhältnis, was z.B. durch seine in Armenien beliebte Übertragung von Goethes „Wandrers Nachtlied“ und  „Heidenröslein“ deutlich wird. Auch Märchen der Gebrüder Grimm , wie z.B. „Der Wolf und die sieben Geißlein“ übertrug er ins Armenische.

Geboren wurde Howhannes Tumanjan am 19. Februar 1869 in Dsegh, einem kleinen  armenischen Dorf am südlichen Rande des damaligen russischen Zarenreiches. Sein Vater Ter-Tadewos (mit bürgerlichem Namen Aslan) war Priester. Seine Mutter Sona stammte aus der Provinz Lori im Norden Armeniens.

Tumanjan besuchte zuerst die Dorfschule, danach die Schule in Dschalaloghly (heute Stepanawan). Später besuchte er das „Nerssesjan Seminar“ in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, die damals das kulturelle Zentrum von ganz Transkaukasien war.  Das „Nerssesjan Seminar“ war eines der bekanntesten geistlichen Seminare der in Tiflis ansässigen armenischen Bevölkerung (ca. 40 000; 36% der Gesamtbevölkerung).

Der Tod seines Vaters im Jahre 1883 verhinderte einen formalen Abschluss der Schule. Mit 18 Jahren kehrte Tumanjan nach Dsegh zurück, um sich um den Unterhalt seiner Familie zu kümmern. 1888 heiratete er die 17-jährige Olga Matschkaljan. Aus dieser Ehe kamen zehn Kinder hervor.

Mit 21 Jahren veröffentlichte Tumanjan 1890 mit großem Erfolg seine erste Gedichtsammlung in Moskau. 1903 veröffentlichte er bereits seinen dritten Lyrikband, wodurch er sich als einer der bedeutendsten armenischen Dichter ausgewiesen hat.

Im Jahre 1899 gründete er die literarische Vereinigung „Wernatun“, deren Mitglieder namhafte armenische Schriftsteller waren, wie Awetik Issahakjan, Derenik Demirtschjan, Lewon Schant, Ghasaros Aghajan usw.

Tumanjan ist Mitbegründer der armenischen Kinderliteratur. Er arbeitete seit 1907 an der monatlich erscheinenden Kinderzeitschrift „Hasker“(„Die Ahren“) mit. Zusammen mit ihrem Gründer Stepan Lisitsjan und dem Pädagogen Lewon Schant gab er 1907 das Erstlesebuch „Lusaber“ heraus. Kurz danach erfolgte im Jahre 1909 die Veröffentlichung einer zweibändigen Sammlung „Armenische Schriftsteller“ für Kinder, gemeinsam mit Ghasaros Aghajan und Wrtanes Papasjan.

1902 und 1903 verfasste er zwei reife Dichtungen: das Poem “Anusch“ und das Volksepos in Versen „Dawid von Sassun“. Der armenische Komponist Armen Tigranjan(1879-1950) schuf nach dem Poem „Anusch“ die gleichnamige erste armenische Oper.

Tummanjan wurde Zeuge der Massaker an der armenischen Bevölkerung im Jahre 1905 im Osmanischen Reich und später 1915 des Genozids seitens der Jungtürken.

1909-1911 saß Tumanjan im zaristischen Gefängnis in Tiflis. Wie viele andere angebliche revolutionäre wurde er eingekerkert und teilte das Schicksal mit prominenten armenischen Intellektuellen.

1914 trat Tumanjan dem „Komitee zur Unterstützung von Kriegsopfern“ bei, das später den Überlebenden des Genozids von 1915 half. Die von den Jungtürken betriebene Ausrottung der armenischen Bevölkerung im benachbarten Osmanischen Reich hinterließ auch in Tumanjan tiefe Spuren, die ihn veranlassten, fortan keine Feste mehr zu feiern.

Von 1912-1921 war er Vorsitzender der „Kaukasischen Gesellschaft armenischer Schriftsteller“. Tumanjan beteilgite sich 1916 auch an der Gründung des „Verbandes der bildenden Künstler“ und 1917 an der Schaffung der „Gesellschaft Hajkasjan“, einer wissenschaftlichen Institution für Armenologie.  1921 gründete in Tiflis das „Haus der armenischen Kunst“.

Im Jahre 1918 fiel sein Sohn Artawasd bei den Kämpfen an der Front in Westarmenien. Von diesem Schicksalsschlag konnte sich Tumanjan nicht mehr ganz erholen. Er wurde schwer krank und starb am 23. März, 1923 mit 54 Jahren. Beigesetzt aber wurde er in Tiflis, in der Stadt, in der Tumanjan den Großteil seines Lebens verbracht hatte. Sein Grab befindet sich heute im armenischen Pantheon in Tiflis.

In seiner Anthologie armenischer Lyrik „Poesie Armeniens“ von 1916 würdigte der russische Dichter Waleri Brjussow (1873-1924) Tumanjan mit den Worten: „Tumanjan ist das Zentrum des armenischen literarischen Lebens in Tiflis. Die Popularität Tumanjans als Poet ist außerordentlich groß und wächst dank der von ihm geschriebenen zahlreichen Kinderbücher – den Märchen, Legenden, Erzählungen, vielfach in Versen – welche die Kinder mit Eifer verschlingen. Auf diese Weise lernt die heranwachsende Generation das Wort und die Poesie aus den Büchern Tumanjans und nimmt so die Liebe zur Muttersprache in sich auf.“

Agapi Mkrtchian

Ein Film über das Leben Howhannes Tumanjans
in armenischer Sprache