Geschichte · Erinnerung · Gesprächsspaziergang

Armenische Spuren in Stuttgart

Ein Gesprächsspaziergang über Flucht, Ankommen und neue Heimat

Wann beginnt die armenische Geschichte in Stuttgart und Baden-Württemberg? Mit den sogenannten Gastarbeitern der 1970er Jahre? Mit der Gründung armenischer Vereine und Kirchengemeinden? Oder schon viel früher?

Der Gesprächsspaziergang auf dem Stuttgarter Hauptfriedhof folgt einer Geschichte, die weit über einen einzelnen Erinnerungsort hinausführt. Sie erzählt von Krieg und Vertreibung, vom Ankommen in einem fremden Land, vom Aufbau neuer Gemeinschaften – und von Generationen, für die Baden-Württemberg längst Heimat geworden ist.

Armenische Gemeinde bei einem Gedenkgang auf dem Hauptfriedhof Stuttgart
Erinnern und Gedenken gehören seit Jahrzehnten zum armenischen Gemeindeleben in Stuttgart.

Nach 1945

Zwischen Heimatverlust und Neubeginn

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten mehrere Tausend Armenier als Displaced Persons in Württemberg. Viele waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder Flüchtlinge. Allein im Raum Stuttgart hielten sich zeitweise mehrere Tausend armenische DPs auf.

In der Funkerkaserne in Bad Cannstatt entstand ein bemerkenswertes armenisches Gemeinwesen mit Kindergarten und Schule, Kirche, Bildungsangeboten und eigenen Formen der Selbstorganisation.

Auf dem Hauptfriedhof Stuttgart sind Spuren dieser Zeit bis heute sichtbar. Armenische Gräber erinnern an Menschen, deren Lebenswege durch Krieg, Gefangenschaft und Heimatverlust nach Stuttgart führten.

1960er und 1970er Jahre

Aus Ankommen wird Alltag

Doch die Geschichte ging weiter. In den folgenden Jahrzehnten kamen neue Armenier nach Baden-Württemberg. Viele kamen aus der Türkei im Zuge der Arbeitsmigration nach Deutschland.

Andere flohen nach der Iranischen Revolution, später kamen Menschen aus Armenien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hinzu.

Aus dem zunächst provisorischen Ankommen wurde für viele ein dauerhaftes Zuhause. Familien entstanden, Freundschaften wurden geschlossen, Feste gefeiert – und neue Formen armenischen Gemeinschaftslebens entwickelten sich.

Armenische Gemeindemitglieder bei einer geselligen Veranstaltung in Baden-Württemberg
Gemeindeleben bedeutete von Anfang an mehr als Institutionen: Begegnung, Familie, Feste und gemeinsames Leben.
Armenische Heilig-Kreuz-Kirche in Göppingen-Bartenbach mit Gästen
Die Heilig-Kreuz-Kirche in Göppingen-Bartenbach wurde zu einem wichtigen geistlichen Ort der armenischen Gemeinschaft in Baden-Württemberg.

Gemeinde bilden

Eine geistliche Heimat entsteht

Mit der Zeit entstanden armenische Vereine, Samstagsschulen und kirchliche Gemeinschaften.

1983 konnte in Göppingen-Bartenbach eine Kirche für die armenisch-apostolische Gemeinde eingerichtet werden. Sie wurde zu einem wichtigen geistlichen und gemeinschaftlichen Zentrum.

1996 schlossen sich die kirchlichen Strukturen in Stuttgart und Göppingen zur heutigen Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg zusammen.

Neues beginnt nicht geschichtslos. Es entsteht dort, wo Erinnerung bewahrt, Verantwortung übernommen und aus Erfahrungen neue Gemeinschaft gestaltet wird.

Darin berührt der Gesprächsspaziergang unmittelbar das Leitmotiv der Armenischen Kulturtage 2026: „Siehe, ich mache alles neu.“

Heute

Aus Migration wird Zugehörigkeit

Heute leben rund 5.000 Armenierinnen und Armenier in Baden-Württemberg. Längst sind Generationen herangewachsen, die hier geboren wurden und sich selbstverständlich als Teil dieser Gesellschaft verstehen – und zugleich armenische Sprache, Kultur, Geschichte und Glauben weitertragen.

Armenisches Leben in Baden-Württemberg zeigt sich heute in Gottesdiensten und Schulen ebenso wie in Jugendarbeit, Kultur, Bildung, sozialem Engagement und im Dialog mit der Gesellschaft.

Kinder der armenischen Samstagsschule in Baden-Württemberg
Sprache, Bildung und kulturelle Erinnerung werden an die nächsten Generationen weitergegeben.
Konzert der Armenischen Kulturtage mit Karine Babadjanyan und Kammerorchester
Kultur schafft Öffentlichkeit und Begegnung: Armenische Kulturtage in Baden-Württemberg.

Der Spaziergang fragt deshalb nicht nur: Woher kamen die Armenier?

Sondern auch: Wann wird aus Ankommen Zugehörigkeit? Was bleibt von der Herkunft? Was verändert sich? Und wie entsteht aus sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten eine gemeinsame Gemeinschaft?

Im Gespräch

Pfr. Dr. Diradur Sardaryan

Gemeindepfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg

Er führt durch die verschiedenen Etappen armenischen Lebens in Stuttgart und Baden-Württemberg – von der Nachkriegszeit über die Arbeitsmigration und den Aufbau kirchlicher Strukturen bis zur heutigen vielfältigen Diasporagemeinde.

Inge Nowak

Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart

Sie beleuchtet die Geschichte armenischer Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und Displaced Persons sowie die Stuttgarter Erinnerungsorte, an denen ihre Geschichte bis heute sichtbar bleibt.

Der Spaziergang verbindet Stadtgeschichte und Migrationsgeschichte, Erinnerung und Gegenwart – und erzählt ein Stück gemeinsamer deutsch-armenischer Geschichte in Baden-Württemberg.

Termin

Gesprächsspaziergang

Samstag, 17. Oktober 2026

11:00–12:30 Uhr

Teilnahme frei
Anmeldung erforderlich bis 10. Oktober 2026

kultur@agbw.org

Treffpunkt

Hauptfriedhof Stuttgart

Haupteingang · Steinhaldenfeld

Von dort gehen wir gemeinsam zum armenischen Kreuzstein.

Eine Veranstaltung der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart.