Porträt
Dan Gharibian
Die Stimme des ewigen Wanderers
Santiags an den Füßen, ein weicher Hut, ein roter Schal. Vierzig Jahre lang war er die Stimme von Bratsch, heute singt er im Trio Lieder aus Jerewan, Thessaloniki und Konstantinopel. Am 23. Oktober kommt Dan Gharibian zu den Armenischen Kulturtagen nach Stuttgart.
Er trägt Cowboystiefel, die er seit seiner Jugend nicht abgelegt hat. Einen weichen Hut, der von langen Wegen erzählt. Ein Gesicht, das man nicht vergisst: wettergegerbt, mit dem Blick eines Mannes, der viel gesehen hat und trotzdem weitergeht. Und dann diese Stimme. Dunkel, rau, als habe sie den ganzen Rauch der Rebetiko-Bars aufgesogen, eingerieben mit Arak und Wodka, wie die Pariser Kritikerin Sophie Gastine schrieb. Sie singt Balladen der Roma, armenischen Blues, griechische Melodien, russische Sehnsucht. Dan Gharibian ist kein gewöhnlicher Musiker. Er ist ein lebender Atlas der Entwurzelung. Und einer der elegantesten Erzähler, die die Weltmusik hervorgebracht hat.
Die Stille der Großeltern
Geboren wird er 1948 im burgundischen Digoin. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr wächst er bei den Großeltern mütterlicherseits auf, Armeniern aus Harput, die 1915 vor dem Völkermord über Syrien geflohen und 1926 nach Frankreich gekommen sind. Sonntags legt die Großmutter die alten Schellackplatten auf: griechische, armenische und kaukasische Sänger, darunter der blinde Istanbuler Oud-Meister Udi Hrant. Der Großvater tanzt dazu, „wie ein Stück Holz“, sagt sie, und irgendwann weinen beide.
„Vom Genozid haben sie uns nie wirklich erzählt“, wird Gharibian später sagen. Als Kind fragt er, wo Armenien liegt. Die Antwort: Es gibt es nicht mehr. Diese Leere wird seine erste Heimat.
Ein Sohn des Windes
Mit fünf Jahren kommt er nach Lyon. Im Sommer treffen sich dort Armenier, Griechen, Kaukasier und Manouches zum Picknick im Grünen, und der Junge hört zu. Mit vierzehn kauft er seine erste Gitarre und, im selben Atemzug, seine ersten Santiags. Django Reinhardt wird zur Offenbarung: „Diese Art, die Noten anzugreifen, diese Mischung aus Sanftheit und Gewalt.“ In den Manouches erkennt er sich wieder, Menschen ohne eigenes Land, wie er selbst.
„Ich bin ein Sohn des Windes.“
Dan Gharibian
Nebenbei spielt er Rock und entdeckt darin eine Dramaturgie der Beschleunigung, die er „sehr tsiganisch“ nennt. Die Grenzen zwischen den Musiken hat er nie ernst genommen. Das wird sein Markenzeichen bleiben.
Bratsch: vierzig Jahre imaginäre Folklore
Nach dem Militärdienst geht er nach Paris und lernt in den russischen Cabarets der Stadt die Freiheit des Unvorhersehbaren. Anfang der 1970er Jahre gründet er mit dem Geiger Bruno Girard die Gruppe Bratsch. Das Wort Weltmusik gibt es noch nicht, wohl aber die großen Jahre des Folk. Bratsch mischt Gypsy-Swing, Klezmer, Rebetiko, jiddische, rumänische und armenische Klänge zu einer imaginären Folklore, die man unter Tausenden heraushört.
1990 öffnet das Album Sans Domicile Fixe die Türen der großen Festivals. Es folgen das Olympia und das Casino de Paris, der Concertgebouw in Amsterdam, Sziget und WOMAD, Montréal, Moskau, das Ford Theatre in Los Angeles. Kein Land außerhalb Frankreichs bespielt die Band so oft wie Deutschland: rund 240 Konzerte. Für das Album Plein du monde (2007) lädt sie Gäste wie Charles Aznavour, Khaled und Lhasa ein. Die Bilanz nach vier Jahrzehnten: rund 2.300 Konzerte, 17 offizielle Alben. Am 31. Dezember 2015 ist Schluss.
Das Trio
Danach kommt nicht der Ruhestand, sondern das Trio. Seit 2017 stehen der Gitarrist Benoît Convert und der Akkordeonist Antoine Girard an seiner Seite, zwei Virtuosen der jungen französischen Jazz-Manouche-Szene, beide geprägt durch Les Doigts de l’Homme. Zwei junge Männer, in der Mitte ein Patriarch mit dem Blick eines Grandseigneurs. Zwei Alben sind entstanden, Affamés d’éphémères (2018) und Da Svidaniya Madame (2021).
Gesungen wird auf Französisch, Armenisch, Romanes, Griechisch, sogar auf Dioula, einer Sprache aus Burkina Faso. Nougaros „Rimes“ und Aznavours „Parce que“ erklingen in ganz eigenen Lesarten, daneben „Gulo“, ein altes armenisches Lied aus Anatolien, das ein französischer Kritiker einen Blues nannte, der einem Tränen ins Herz treibt. Die Stimme ist gereift wie ein guter Wein.
Er lebt zwischen einem kleinen Studio in Paris und einem abgelegenen Weiler in der Auvergne. Er baut Häuser, schreibt, bleibt unterwegs. Seine Tochter Macha Gharibian hat sich als Jazzpianistin einen eigenen Namen gemacht. Und er selbst sagt: „Solange man gehört wird, solange es Projekte gibt, bleibt man lebendig.“
Ein Walzer für Aznavour
Ein Detail, das viele erst 2018 erfuhren: Bei der nationalen Ehrung für Charles Aznavour am 5. Oktober 2018 im Ehrenhof des Hôtel des Invalides erklang seine „Valse arménienne“, gesungen von einem Sänger der Garde républicaine. Ein Lied aus den Bratsch-Jahren, plötzlich vor fast drei Millionen Fernsehzuschauern.
Dan Gharibian singt nicht über das Exil. Er singt aus ihm heraus und macht daraus Freiheit. Santiags an den Füßen, den Hut ein wenig schief, den roten Schal um den Hals. Eine Eleganz, die von weit her kommt und nirgends ankommt. Und gerade deshalb bleibt.
Live in Stuttgart
- Wann
- Freitag, 23. Oktober 2026, 20 Uhr
- Wo
- Kleiner Kursaal Bad Cannstatt
Königsplatz 1, 70372 Stuttgart - Besetzung
- Dan Gharibian (Gesang, Gitarre)
Benoît Convert (Gitarre, Gesang)
Antoine Girard (Akkordeon, Gesang) - Karten
- Vorverkauf 35 €, ermäßigt 25 €, Abendkasse 38 €
Vorverkauf bei Reservix und EasyTicket. Der Kulturtage-Pass (85 €) gilt auch für dieses Konzert. - Danach
- Alben und Signierstunde
Ein Abend zwischen Armenien, dem Balkan und Paris. Teil der Armenischen Kulturtage Stuttgart 2026 „Siehe, ich mache alles neu“, 15. bis 25. Oktober.



