Geschichte · Erinnerung · Gesprächsspaziergang
Armenische Spuren in Stuttgart
Ein Gesprächsspaziergang über Flucht, Ankommen und neue Heimat
Wann beginnt die armenische Geschichte in Stuttgart und Baden-Württemberg? Mit den sogenannten Gastarbeitern der 1970er Jahre? Mit der Gründung armenischer Vereine und Kirchengemeinden?
Der Spaziergang setzt früher an. Er beginnt bei den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern der NS-Zeit und bei den Displaced Persons der Nachkriegsjahre, und er folgt von dort einer Geschichte, die weit über einen einzelnen Erinnerungsort hinausführt.
Sie erzählt von Krieg und Vertreibung, vom Ankommen in einem fremden Land, vom Aufbau neuer Gemeinschaften und von Generationen, für die Baden-Württemberg längst Heimat geworden ist.
Nach 1945
Zwischen Heimatverlust und Neubeginn
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten mehrere Tausend Armenier als Displaced Persons in Württemberg. So bezeichneten die Alliierten Menschen, die durch Krieg, Verschleppung und Zwangsarbeit fern ihrer Heimat gestrandet waren und nicht ohne Weiteres zurückkehren konnten. Viele von ihnen waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder Flüchtlinge.
In der Funkerkaserne in Bad Cannstatt entstand zwischen 1946 und 1950 ein bemerkenswertes Gemeinwesen. Bis zu 3.000 überwiegend armenische Bewohnerinnen und Bewohner lebten hier in Selbstverwaltung.
Sie setzten die kriegsbeschädigten Gebäude instand, richteten ein Krankenhaus ein, bauten ein Theater mit 400 Plätzen und gründeten eine Pfadfindergruppe.
Auf dem Hauptfriedhof Stuttgart sind Spuren dieser Zeit bis heute sichtbar. Armenische Gräber erinnern an Menschen, deren Lebenswege durch Krieg, Gefangenschaft und Heimatverlust nach Stuttgart führten.
1960er bis 1990er Jahre
Aus Ankommen wird Alltag
Die Geschichte ging weiter. In den folgenden Jahrzehnten kamen neue Armenier nach Baden-Württemberg, viele aus der Türkei im Zuge der Arbeitsmigration.
Nach der Islamischen Revolution von 1979 flohen Armenier aus dem Iran, und seit den 1990er Jahren kamen Menschen aus Armenien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hinzu.
Aus dem zunächst provisorischen Ankommen wurde für viele ein dauerhaftes Zuhause. Familien entstanden, Freundschaften wurden geschlossen, Feste gefeiert, und neue Formen armenischen Gemeinschaftslebens entwickelten sich.
Gemeinde bilden
Eine geistliche Heimat entsteht
Mit der Zeit entstanden armenische Vereine, Samstagsschulen und kirchliche Gemeinschaften.
1983 gelang es dem Christlich Armenischen Verein, dem Vorläufer der heutigen Gemeinde, die alte Dorfkirche in Göppingen-Bartenbach zu einem symbolischen Preis anzumieten, sie zu renovieren und als Surp Chatsch – Heilig-Kreuz-Kirche einzurichten.
Sie ist die erste armenische Kirche in Deutschland und wurde zu einem geistlichen und gemeinschaftlichen Zentrum.
2018 ging sie vertraglich in das Eigentum der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg über; die feierliche Schlüsselübergabe fand im Juni 2019 statt.
1996 schlossen sich die kirchlichen Strukturen in Stuttgart und Göppingen zur heutigen Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg zusammen.
Leitmotiv der Armenischen Kulturtage 2026
Neues beginnt nicht geschichtslos. Es entsteht dort, wo Erinnerung bewahrt, Verantwortung übernommen und aus Erfahrungen neue Gemeinschaft gestaltet wird.
Darin berührt der Gesprächsspaziergang unmittelbar das Leitmotiv der Armenischen Kulturtage 2026: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5).
Heute
Aus Migration wird Zugehörigkeit
Heute leben mehrere Tausend Armenierinnen und Armenier in Baden-Württemberg. Längst sind Generationen herangewachsen, die hier geboren wurden und sich selbstverständlich als Teil dieser Gesellschaft verstehen und zugleich armenische Sprache, Kultur, Geschichte und Glauben weitertragen.
Armenisches Leben in Baden-Württemberg zeigt sich heute in Gottesdiensten und Schulen ebenso wie in Jugendarbeit, Kultur, Bildung, sozialem Engagement und im Dialog mit der Gesellschaft.
Der Spaziergang fragt deshalb nicht nur: Woher kamen die Armenier?
Sondern auch: Wann wird aus Ankommen Zugehörigkeit? Was bleibt von der Herkunft? Was verändert sich? Und wie entsteht aus sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten eine gemeinsame Gemeinschaft?
Im Gespräch
Pfr. Dr. Diradur Sardaryan
Gemeindepfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg
Er führt durch die Etappen armenischen Lebens in Stuttgart und Baden-Württemberg, von der Nachkriegszeit über die Arbeitsmigration und den Aufbau kirchlicher Strukturen bis zur heutigen Diasporagemeinde.
Inge Nowak
Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart
Sie beleuchtet die Geschichte armenischer Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und Displaced Persons sowie die Stuttgarter Erinnerungsorte, an denen ihre Geschichte bis heute sichtbar bleibt.
Der Spaziergang verbindet Stadtgeschichte und Migrationsgeschichte, Erinnerung und Gegenwart. Er erzählt ein Stück gemeinsamer deutsch-armenischer Geschichte in Baden-Württemberg.
Gesprächsspaziergang
Termin & Treffpunkt
Termin
Samstag, 17. Oktober 2026
11:00–12:30 Uhr
Teilnahme frei.
Anmeldung erforderlich bis
10. Oktober 2026.
Treffpunkt
Hauptfriedhof Stuttgart
Haupteingang
Stuttgart-Steinhaldenfeld
Adresse
Hauptfriedhof Stuttgart
Steinhaldenstraße 52
70378 Stuttgart-Bad Cannstatt
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Von dort gehen wir gemeinsam zum armenischen Kreuzstein.
Gut zu wissen
Wetter
Der Spaziergang findet bei jedem Wetter statt und führt über Friedhofswege. Wir empfehlen festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung.
Erinnerungsort
Wir sind auf einem Friedhof zu Gast und bitten um entsprechende Rücksicht, auch gegenüber Trauernden.
Fotoaufnahmen
Während der Veranstaltung entstehen Fotoaufnahmen für die Öffentlichkeitsarbeit der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg. Wer nicht aufgenommen werden möchte, sagt uns dies bitte vor Beginn.



