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Sergej Paradjanov, 1968, 73 min., armenisch, OmU Buch und Regie: Sergej Paradjanov Kamera: Suren Schachbasian Filmstudio Armenfilm Die ursprüngliche Fassung des Films unter dem Originaltitel »Sayat Nova« wurde nur in Armenien vorgeführt. Sergej Jutkevitch stellte später eine geglättete und gekürzte russische Sprachfassung her, die es ermöglichte, dass der Film unter dem Titel »Die Farbe des Granatapfels« 1972 öffentlich aufgeführt werden durfte.

Die Farbe des Granatapfels von Paradjanov ist nach meiner Auffassung einer der besten zeitgenössischen Filme, der mit Perfektion und Schönheit beeindruckt. – Michelangelo Antonioni

Parajanov entwickelt hier eine vollkommen neuartige, freie, rein poetische filmische Sprache. Er lässt das Leben und Sterben des armenischen Dichters des 18. Jahrhunderts Aruthin Sayadin – Sayat Nova – vor uns erstehen, ohne eine Geschichte im vertrauten Sinne zu erzählen. Vielmehr veranschaulicht Parajanov – in einzelne Kapitel gegliedert: die Kindheit des Dichters, seine Jugend, der Dichter am Fürstenhof, im Kloster etc. – seine bildlichen Vorstellungen von existentiellen Grundwahrheiten des Lebens in tableauartigen Kompositionen bzw. in ritualisierter Gebärdensprache. Der Film beginnt damit, dass ein Junge auf allen Vieren vor einer Kirchenmauer hockt und uns durch die Beine ernsthaft anblickt. Die Realität wird spielerisch auf den Kopf gestellt. Danach werden riesige alte Kirchenbücher gebracht und in genau choreografierten Bewegungen auf dem Hof gelagert. Dazu hören wir einen Text des Dichters, dass man das Lesen und die Bücher lieben soll. Auf verschiedenen Ebenen des Kirchendaches liegen die Bücher aufgeschlagen da, der Wind geht über sie hin, manche Seiten werden umgeschlagen, manche flattern einfach nur so. Werden so Gewalt, Schönheit und Bedeutung der Bücher als etwas weit Entferntes, Altes, Fremdes verdeutlicht, so lassen andere Bilder durchaus Gegenwärtiges und sogar Alltägliches erkennen, z.B. das Färben der Wolle im Kapitel über die Kindheit des Dichters. Die gezeigte Prozedur kann man sich so auch in der Gegenwart vorstellen. Die Bilder der einzelnen Vorgänge folgen jeweils abrupt aufeinander. Es gibt keinen einzigen »natürlichen« Übergang. Die Betonung des Gemachten, der bewusst vollzogenen Auswahl der Bilder, der genau bedachten Bewegungen der Darsteller springt ins Auge. Ohne die einzelnen, teilweise bizarren Bilder jeweils sicher entschlüsseln zu können, sind wir gebannt von der Fremdartigkeit, Schönheit und Undurchdringlichkeit dieser Welt zwischen Realität und Traum. Der Dichter als Jüngling wird durch eine männliche und eine weibliche Gestalt dargestellt, die einander verblüffend ähnlich sehen und dennoch zwei verschiedene, einander fremd scheinende Menschen sind. Die Welt, in der der Dichter seine wehmütigen Verse schreibt, strahlt bei aller Farbenpracht eine große Traurigkeit aus. Der Dichter ist einsam in dieser Welt, und nur als sich ihm der Tod naht und er sich in Träumen an seine Kindheit erinnert, stellt sich ein Gefühl möglichen Glückes ein. Es scheint, als ob die kunstvolle Schönheit der Gebärden, des Schmuckes, der Kostüme, der Räume die letzte Rettung für den Menschen sei.