Siehe, ich mache alles neu

Die Armenischen Kulturtage Stuttgart 2026 unter dem biblischen Wort.

Von Pfr. Dr. Diradur Sardaryan


Es gibt Sätze, die klingen, als wären sie für genau diesen Moment geschrieben worden. „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ Das Wort aus der Offenbarung des Johannes (21,5), die Jahreslosung der evangelischen Kirchen für 2026, ist ein solcher Satz. Und es ist das Wort, unter das wir die Armenischen Kulturtage Stuttgart in diesem Jahr stellen, weil es uns als Gemeinde, als Kulturschaffende, als Menschen, die zwischen Erinnerung und Aufbruch leben herausfordert.

Was heißt „neu“ für eine Gemeinde?

Die armenische Geschichte ist eine Geschichte des ÜberLEBENs. Des Genozids von 1915, der noch immer nicht überall anerkannt wird. Der Vertreibung aus Bergkarabach im Jahr 2023. Der Zwangsarbeit armenischer Kriegsgefangener während des Zweiten Weltkriegs. Wer über das Neue spricht, darf das Alte nicht verschweigen. Aber im Alten stehen bleiben – das wäre Tod.

Die Jahreslosung aus der Offenbarung entstand in einer Zeit brutaler Christenverfolgung. Die Gemeinden des Johannes rechneten mit dem Ende. Was sie aufrecht hielt, war nicht die Nostalgie, sondern eine Verheißung: dass die Geschichte nicht ins Leere läuft. Dass Trauer nicht das letzte Wort behält. Dass aus Trümmern etwas wachsen kann, das größer ist als das, was zerstört wurde.

Wahlen, Mauern, Aufbrüche

2026 ist ein Jahr der Entscheidungen. Baden-Württemberg hat im März gewählt – erstmals durften Sechzehnjährige ihre Stimme abgeben, erstmals gab es ein neues Wahlrecht mit Zweitstimme. Die politische Landschaft sortiert sich neu. Eine neue Landesregierung wird die kulturpolitischen Weichen für die kommenden Jahre stellen.

In Armenien stehen im Juni Parlamentswahlen an, die als richtungsweisend gelten. Es geht um nicht weniger als die geopolitische Zukunft des Landes. Die Gesellschaft ist gespalten, die Debatte aufgeladen. Auch das Verhältnis zwischen Staat Armenien und Armenisch-Apostolischer Kirche ist angespannt wie seit Jahrzehnten nicht. Gleichzeitig wird Armenien in diesem Jahr Gastgeber des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft sein und die COP 17 ausrichten – ein Land an der Schwelle, zwischen Verwundung und Verantwortung.

Wahlen sind immer auch Momente, in denen Gesellschaften sich fragen: Was wollen wir bewahren? Was muss sich ändern? Was darf nicht bleiben, wie es ist?

Eine Kirche wird saniert. Ein Zentrum soll Zeichen setzen.

Hier in Baden-Württemberg geschieht Erneuerung ganz konkret. Die Armenische Heilig-Kreuz-Kirche wird saniert. Ein Sakralraum, der für die Gemeinde weit mehr ist als ein Gebäude. Und gleichzeitig arbeitet die Gemeinde am Traum eines eigenen Gemeindezentrums: ein lebendiges Zeichen der Existenz. Nicht als Museum der Diaspora, sondern als Ort der Begegnung, des Lernens, des gemeinsamen Lebens. Ein Ort, der sagt: Wir sind hier. Wir bleiben. Und wir gestalten mit.

Das ist es, was „Siehe, ich mache alles neu“ für uns bedeutet: nicht das Vergessen, sondern das Verwandeln. Die Vergangenheit nicht als Gefängnis, sondern als Fundament. Nicht als Last, die lähmt, sondern als Erfahrung, die lehrt.

Kultur: die unbequemste Sprache der Welt

Kultur war nie harmlos. Sie war nie nur Unterhaltung, nie nur Dekoration für den Sonntagabend. Kultur ist die Sprache, in der Gesellschaften die Wahrheit über sich selbst aussprechen, auch dann, wenn diese Wahrheit unbequem ist. Manchen erscheint sie provokant, manchen zu frei, manchen unangenehm nah. Aber genau darin liegt ihre Kraft: Sie spricht aus, was in den Seelen realer Menschen vor sich geht. Sie gibt dem Ungesagten eine Form. Dem Schmerz eine Melodie. Der Hoffnung ein Bild.

Seit 2011 verstehen die Armenischen Kulturtage Stuttgart Kultur genau so: nicht als Schaufenster, sondern als Gesprächsraum. Als Ort, an dem armenische und deutsche Kultur nicht nebeneinanderstehen, sondern miteinander in Dialog treten. Wo ein armenischer Duduk auf eine deutsche Orgel trifft. Wo eine Lesung über den Genozid neben einem Workshop für Kalligraphie steht. Wo Kinder armenische Lieder lernen und Erwachsene sich fragen, was sie ihren Kindern eigentlich weitergeben wollen.

Im vergangenen Jahr stand über den Kulturtagen das Motto „Erzähl es deinen Kindern“ – eine Frage, die nachhallt: Was bleibt, wenn Geschichten verstummen? In diesem Jahr drehen wir die Perspektive: Was entsteht, wenn wir den Mut haben, Neues zu wagen? Wenn wir die alten Geschichten nicht nur bewahren, sondern sie in die Gegenwart tragen – in eine Gegenwart, die nach Antworten sucht?

Brücken bauen in einer gespaltenen Zeit

Wir leben in einer Zeit, in der Gräben tiefer werden. Zwischen politischen Lagern, zwischen Generationen, zwischen Kulturen. Die Versuchung ist groß, sich einzuigeln: ins Eigene, ins Vertraute, ins Sichere. Aber Sicherheit ohne Begegnung ist Stillstand. Und Stillstand ist das Gegenteil von „Siehe, ich mache alles neu.“

Die Armenischen Kulturtage waren von Anfang an kein Projekt „für Armenier“. Sie waren und sind ein Projekt für Stuttgart, für Baden-Württemberg, für alle, die glauben, dass Verständigung möglich ist – auch dort, wo sie anstrengend ist. Über 70 Prozent unseres Publikums haben keinen armenischen Hintergrund. Menschen kommen, weil sie neugierig sind. Weil sie etwas über eine Kultur erfahren wollen, die über 5000 Jahre alt ist und doch so lebendig, dass sie immer wieder neue Formen findet. Weil sie spüren, dass in der Begegnung mit dem Fremden etwas über sie selbst zu entdecken ist.

Was kommt

Was genau im Oktober geschehen wird, darüber sprechen wir bald. Das Programm nimmt Gestalt an, die Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern laufen, die Ideen nehmen Farbe an. Was wir heute schon sagen können: Es wird ein Festival, das die Spannung zwischen Erinnern und Erneuern nicht auflöst, sondern aushält. Dass sie große Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu versprechen. Das Kultur als das begreift, was sie im besten Fall ist: eine Brücke zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.

„Siehe, ich mache alles neu“ ist keine Verheißung für Fatalisten. Es ist ein Auftrag an alle, die bereit sind, hinzuschauen: auf das, was war. Auf das, was ist. Und auf das, was sein könnte.

Wir laden Sie ein, mit uns hinzuschauen.


Die Armenischen Kulturtage Stuttgart finden vom 15. bis 25. Oktober 2026 statt. Weitere Informationen: www.armenische-kulturtage-stuttgart.de