Was der April den Armeniern bedeutet
111 Jahre nach dem Beginn des Genozids erinnert die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg in der Lutherkirche Bad Cannstatt. Über ein Verbrechen, das die Welt zu lange nicht beim Namen nannte — und eine Erinnerung, die nicht aufhört, notwendig zu sein.
Im April blüht der Granatapfel in den Ebenen von Ostanatolien. In den Dörfern, die heute andere Namen tragen, standen einmal armenische Kirchen, armenische Schulen, armenische Friedhöfe. Es gibt sie nicht mehr. Im April 1915 begann ihre Auslöschung.
Am 24. April jenes Jahres verhaftete die jungtürkische Regierung im Osmanischen Reich über zweihundert armenische Intellektuelle in Konstantinopel. Schriftsteller, Ärzte, Komponisten, Geistliche, Juristen – die geistige Elite eines Volkes, das seit dem vierten Jahrhundert christlich war und seit Jahrtausenden in Ostanatolien, Kilikien und Mesopotamien siedelte. Die meisten der Verhafteten wurden in den Wochen darauf ermordet. Es war der geplante Anfang. Was folgte, war die systematische Vernichtung eines ganzen Volkes: Todesmärsche in die syrische Wüste, Massenerschießungen, Ertränkungen, der Hungertod von Deportierten, die Verschleppung von Frauen und Kindern. Mindestens anderthalb Millionen Armenier wurden ermordet, zusammen mit Hunderttausenden Aramäern und Pontos-Griechen.
Es war der erste systematisch geplante und staatlich durchgeführte Genozid des zwanzigsten Jahrhunderts. Raphael Lemkin, der polnisch-jüdische Jurist, der 1944 den Begriff „Genozid“ prägte, tat dies ausdrücklich auch mit Blick auf die Vernichtung der Armenier. Als er die Vereinten Nationen von der Notwendigkeit einer Völkermordkonvention überzeugte, stand ihm vor Augen, was 1915 begonnen hatte und was dreißig Jahre später in Auschwitz seine furchtbarste Wiederholung fand.
Das Deutsche Kaiserreich war Bündnispartner des Osmanischen Reiches. Deutsche Offiziere dienten in der osmanischen Armee, deutsche Diplomaten berichteten detailliert nach Berlin, was geschah. Die Reichsregierung wusste Bescheid. Sie schwieg, weil sie den Verbündeten nicht verlieren wollte. Diese Mitschuld gehört zur deutschen Geschichte, auch wenn sie lange verdrängt wurde. Erst 2016 erkannte der Deutsche Bundestag den Völkermord an den Armeniern als solchen an.
111 Jahre. Eine Zahl, die abstrakt klingt, bis man begreift, was sie bedeutet: Die letzten Überlebenden sind gestorben. Es gibt niemanden mehr, der aus eigener Erinnerung berichten kann. Die Zeugen der Zeugen, die Kinder und Enkel der Überlebenden, tragen nun, was ihnen erzählt wurde, was verschwiegen wurde, was in Albträumen weitergegeben wurde. In der Diaspora, verstreut über die ganze Welt, leben Millionen Nachkommen jener, die überlebten. Auch in Baden-Württemberg.
Und die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Im September 2023 wurden über hunderttausend Armenier aus Berg-Karabach vertrieben, der letzten zusammenhängenden armenischen Siedlungsregion außerhalb der Republik Armenien. Eine ethnische Säuberung vor laufenden Kameras, die kaum Konsequenzen nach sich zog. Die Mechanik ist dieselbe geblieben: Erst wird geleugnet, dann wird geschwiegen, dann wird vergessen. Und wo vergessen wird, wird wiederholt.
Dagegen steht das Gedenken. Nicht als Ritual, nicht als Pflichtübung, sondern als Weigerung, das Vergessen hinzunehmen. Am Freitag, 24. April 2026, lädt die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg zur zentralen Gedenkveranstaltung des Landes. Um 17:00 Uhr wird am armenischen Kreuzstein auf dem Friedhof Steinhaldenfeld ein Kranz niedergelegt — still, nach armenischem Brauch. Um 18:45 Uhr beginnt die Veranstaltung in der Evangelischen Lutherkirche Bad Cannstatt. Unter den Teilnehmenden ist auch der designierte Ministerpräsident Cem Özdemir.
Man muss nicht armenisch sein, um zu kommen. Man muss nur bereit sein, sich einer Geschichte zu stellen, die nicht vergehen will, weil sie nicht vergehen darf.
Freitag, 24. April 2026
17:00 Uhr — Kranzniederlegung Kreuzstein, Friedhof Steinhaldenfeld Steinhaldenstraße 52, 70378 Stuttgart
18:45 Uhr — Zentrale Gedenkveranstaltung Evangelische Lutherkirche Bad Cannstatt Martin-Luther-Straße 54, 70372 Stuttgart
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